Im Becher oder in der Waffel?

SO. Da bin ich wieder. Reibe mir den letzten Winterschlaf aus den Augen und muss kurz mal überlegen, was zuletzt in meinem letzten Blog-Leben passiert ist… Ach ja!

PREVIOUSLY ON KEEN ON KIWIS:

Ich lebte bei meiner Gastfamilie in Mt. Eden, stand für Greenpeace auf der Straße, kämpfte für eine bessere Umwelt und gegen meine Mandelentzündung und bin mit Rhys zu einer Fernsehaufzeichnung gegangen, deren Warm-Upper unterirdisch schlecht war.

Nun, seitdem hat sich einiges getan. Mit der Erkenntnis, dass selbst sieben Lagen Kleidung nicht vor Kälte schützen, wenn man im Winter den ganzen Tag an ein und demselben Fleck steht, habe ich der Genesung wegen den Fundraiser-Job an den Nagel gehängt, bin nach St. Heliers in eine 9er WG gezogen (mit Pool, Spa und Sauna!), habe ganz kurz in Neuseelands größtem Film- und Theater-Requisitenlager gearbeitet und mir jetzt einen zur Jahreszeit passenden Job gesucht: Ich bin jetzt Eisdealerin.

Yepp, seit Neuestem arbeite ich für MÖVENPICK und verticke an der Ecke von Mission Bay genau 16 Sorten Eiscreme an Touristen, Locals und ohne jegliche Scham auch an kleine Kinder. Einsteiger strecken die kalte Droge mit Milch oder Wasser zum Shake oder Smoothie, die Hartgesottenen stecken das Eis pur weg. Welche Methode auch immer angewendet wird, fast ausnahmslos folgen auf den Konsum ein breites Lächeln und leuchtende Augen. Besonders stark, aber wenig überraschend, zeigt sich die Wirkung bei Kleinkindern, die bereits beim Anblick der bunten Eis-Palette in größte Euphorie verfallen. Eis macht eben glücklich.

Dabei bleiben Risiken und Nebenwirkungen natürlich nicht aus. Meiner aktuellen Studie zufolge büßt mehr als 1 von 5 Personen nach der Einnahme von Eis seine Motorik ein und kleckert entweder auf die Hand, den Tisch oder das eigene Hemd, mehr als 1 von 10 Personen leidet danach unter klebrigem Mund und bei mehr als 1 von 100 Personen kommt es zum schmerzhaften Brainfreeze.

Doch wie so häufig ist die Sucht größer als die Vernunft und so vertilgen die Besucher hier schon vormittags locker drei Riesenkugeln in der Waffel. Bei gutem Wetter stellen sich die Leute bis auf die Straße an – bei schlechtem Wetter ebenso. Und im Sommer stolpern sie nach Aussagen der werten Kollegen sogar um drei Uhr morgens noch durch die Tür, um sich im meist besuchten Mövenpick-Café der ganzen Welt (!) eine kleine Portion Schweiz zu gönnen.

Ich frage mich: Gibt es bei uns überhaupt noch Mövenpick-Filialen? Deren Eis sehe ich sonst nur im Supermarkt stehen und jedes Mal greife ich daran vorbei zum Ben & Jerrys! Womit ich nicht behaupten will, dass Mövenpick-Eis nicht schmeckt. Swiss Chocolate ist fest in meinen Kindheitserinnerungen verankert (danke, Papa!) und in der Tat extrem schokoladig. Neben Maple Walnut und Vanilla Brownie übrigens DER Favorit hier. Wobei die Wahl der Eissorte für viele Gäste eine große, ja beinahe unüberwindbare Hürde darstellt. Insbesondere Asiaten tun sich damit sehr schwer und zerbrechen sich je nachdem, ob es sich um ein Pärchen oder um eine Gruppe handelt, entweder flüsternd oder marktschreiend den Kopf darüber. Mit gekräuselter Stirn werden die verschiedenen Geschmacksrichtungen sorgfältig getestet, als hinge das jetzige Leben davon ab und das nächste auch noch. Andere Gäste ziehen sich mit unserem Mövenpick-Ordner zurück und studieren abseits stehend jede einzelne Zutat, bis irgendwann weißer Rauch aufsteigt und sie ein stinknormales Sundae-Eis ordern. Und wieder andere fragen nach Empfehlungen, nur um danach halb patzig zu antworten: „I don’t like sweet!“

In solchen Momenten blicke ich sehnsüchtig auf die Uhr. Für wann ist die Apokalypse nochmal angekündigt? Ich wäre nämlich soweit. Tief einatmen, langsam ausatmen. Wo ist der Ort der inneren Ruhe, von der meine Yoga-Lehrerin stets behauptete, er sei in uns allen und müsse nur aufgesucht werden? Sollte Eis nicht Spaß machen?? Wie grOß kann die EnttäuschUng wohl dArüber sein, CappuCCino statt TiramiSU gewÄHLT zu habEN und wAs MAChT iHr bEi dEn WIRKLICH ENTSCHEIDENEN FRAGEN DES LEBENS, VERDAMMT NOCHMAL!?!

Dann ein leises mechanisches Surren. Es braucht einen Moment, bis ich merke, dass das ja meine Mundwinkel sind, die sich langsam und geübt nach oben ziehen. Bei all den lauten Gedanken, die sich in meinem Kopf angestaut haben und ihren Weg nach außen suchen, stelle ich dem Gast schließlich breit lächelnd einzig und allein folgende Frage: „In a cup or in a cone?“ Ein Satz, den ich pro Abend gefühlt hundert Mal über den Tresen rufe, weil niemand mitdenkt – nicht einmal, wenn ein und dieselbe Person fünf Bestellungen hintereinander aufgibt. Doch der Kunde ist König und ich die Freundlichkeit in Person. Selbst dann noch, wenn alles Eis schon weggepackt ist, alle Stühle auf den Tischen stehen, wir alle am Putzen sind und dann ein Kopf durch die Tür lugt, um allen Ernstes zu fragen: Äh, habt ihr noch auf???

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6 Gedanken zu “Im Becher oder in der Waffel?

  1. Liebe Ven, immer mal wieder lese ich – still und leise – deine wunderbaren Berichte. Textlich sooo schön und eigen! Ganz liebe Grüße und weiterhin eine fantastische Zeit! Manon

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